Auftakt Kulturpolitur: Es gibt viel zu tun!

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Das Format „Kulturpolitur“ sucht nach unkonventionellen Strategien, die Gleichung Kultur + Wirtschaft = x innovativ und partnerschaftlich zu lösen. Es will neuen Formen einer Zusammenarbeit auf die Spur kommen und sowohl Chancen als auch Risiken ausloten. Dabei ist es wichtig, Denkräume zu öffnen und Einfälle zuzulassen, die der Norm nicht entsprechen. „Kulturpolitur“ soll ermutigen und motivieren, die Gleichung Kultur+Wirtschaft einen Schritt weiter zu rechnen, denn Kultur+Wirtschaft sind mehr als die Summe beider Teile. [Quelle: Veranstaltungsprospekt]

Mit diesem Anspruch und einer Menge Polierlappen erwarteten die Teams von Schwarz+Weiss und Dialog: KulturWirtschaft des Nordkollegs Rendsburg am 18. und 19.11.2010 die TeilnehmerInnen ihres Symposiums »Auftakt Kulturpolitur«.

Es waren zwei halbe Tage, für die ich eine sechsstündige Bahnanreise aus dem Westzipfel der Republik in ihren hohen Norden in Kauf genommen und von denen ich keine Sekunde bereut habe. Das lag nicht nur am wohldurchdachten und abwechslungsreich geplanten Programm, sondern auch am engagierten, professionellen und zugleich herrlich unkomplizierten Auftreten der VeranstalterInnen und natürlich an der wunderbaren Truppe von Kulturpolierern, die dem Ruf ins Nordkolleg Rendsburg gefolgt waren.

Die Entwicklung neuer Sichtweisen zog sich als roter Faden durch die Programmpunkte des Symposiums, bei dem es galt, ein ganzes Bündel an Fragen zu diskutieren, das VeranstalterInnen und TeilnehmerInnen gleichermaßen bewegte:

  • Wie finden die gegensätzlichen Pole Kultur & Wirtschaft überhaupt zueinander?
  • Haben sie nicht völlig unterschiedliche Wertesysteme?
  • Sprechen Kultur und Wirtschaft eigentlich dieselbe Sprache oder laufen sie Gefahr, aneinander vorbeizureden?
  • Welche Finanzierungsmodelle könnten dem bisherigen Kultursponsoring folgen (und die Logo-Friedhöfe in Programmheften und Prospekten ersetzen)?
  • Wie lassen sich Netzwerke aufbauen, um den Dialog zwischen Kultur & Wirtschaft in Gang zu bringen und lebendig zu halten?
  • Wie können Knowhow und Potenziale aus Kultur und Wirtschaft genutzt und für beide Seiten profitabel eingesetzt werden?

Erste erfolgversprechende Kooperationen zwischen Kulturschaffenden und Unternehmern wurden im Verlauf der Veranstaltung vorgestellt und lassen hoffen, dass mit ihrer Hilfe Bewusstsein für das Potenzial geschaffen wird, das in einer (auf Dauer angelegten) Zusammenarbeit von Kultur & Wirtschaft stecken kann.


Neben erfolgreichen (Pilot-)Projekten, wie die von Schwarz+Weiss initiierten und beispielhaft vorgestellten (»Rock an der Eider«, »Tante Hänsi«, Farb- und Gestaltungskonzept für das dm-Verteilzentrum Weilerswist) bedarf es aber offensichtlich einer professionellen Begleitung des Annäherungs- und Kooperationsprozesses. Sonst besteht die Gefahr, dass Projekte, wie z. B. das von Lennart Pundt vorgestellte Ausstellungsprojekt »Kleine und große Fische – Junge Künstler begegnen Unternehmern im Hamburger Hafen« aus dem Jahr 2007, zwar durchaus erfolgreich sind, aber ohne Folgeprojekte bleiben.

Offensichtlich waren sich die TeilnehmerInnen auch darin einig, dass es zudem eines generellen gesellschaftspolitischen Umdenkens bedarf. Zumindest ließe sich so das sehr beredte Schweigen erklären, das auf den fulminanten Abschlussvortrag »Utopien: Über die Möglichkeiten des gemeinsamen Gestaltens« von PD Dr. Oliver Flügel-Martinsen folgte.

Ohne es ahnen zu können, hatte er in seinem Vortrag die Arbeitsergebnisse der Kulturpolierer aufgegriffen und in absolut frappierender Weise auf den Punkt gebracht, was während der Diskussionen oft zur Sprache gekommen, aber nur für die Seite der Kultur formuliert worden war: Es muss nicht alles messbar sein! Flügel-Martinsen ging noch einen Schritt weiter, indem er eine klare Abkehr von den Postulaten und vom Diktat der Wirtschaft forderte. Er betonte nachdrücklich, dass Politik und Wirtschaft beides KULTURELLE Phänomene, sprich vom Menschen gemachte Vorstellungen von Welt seien und dass die Kultur die Politik und Wirtschaft bereits umfasse. Die Politik vergisst seiner Meinung nach, dass Gestaltung die Freisetzung von Potenzialen bedeutet und anstoßendes Gestalten nicht Reglementierung und Einschränkung meint. Weder Effizienz noch die Gesetze der Wirtschaft seien naturgegeben. Nach Ansicht Flügel-Martinsens beginne die Wirtschaft aber bereits, zu dominieren und zu zerstören. Rentabilität sei aber nicht auf alle Bereiche (Gesundheitswesen, Kultur) übertragbar. Es gebe noch andere gesellschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten und Austauschbeziehungen. Kultur, Wirtschaft und Politik sollten einen Dreiklang der gemeinsamen Weltgestaltung bilden.

Dem hatten die Kulturpolierer vielleicht auch deshalb nichts mehr hinzuzufügen, weil sie außer dem Kultur- nun auch noch das Wirtschafts- und Gesellschaftspolieren auf sich zukommen sahen ;-) An den Polierlappen soll es jedenfalls nicht liegen, die waren nach dem Symposium noch in reichlicher Menge vorhanden. Und mir persönlich hat der »Auftakt Kulturpolitur« so viele Anregungen, Impulse und Schwung mitgegeben, dass ich mit Sicherheit fleißig mit- und weiterpolieren werde.

In diesem Sinne nochmals ein herzliches Dankeschön an die VeranstalterInnen für ihr mitreißendes Engagement und die erfrischende und motivierende Herangehensweise an die vielschichtige und wichtige Fragestellung nach dem Dritten, was Kultur und Wirtschaft gemeinsam (er)schaffen können.

arbeitet als selbstständige Projektmanagerin für Kunden aus der Kultur-, Verlags- und Medienbranche. Ihr Leistungsspektrum umfasst die Konzeption von Kulturvermittlungsprojekten und (Social-)Web-Präsenzen, Redaktion, Text und Webdesign. Seit 2009 beschäftigt sie sich intensiv mit den interaktiven Möglichkeiten des Social Web für Kultureinrichtungen, schreibt Artikel und hält Vorträge zu diesem Thema und co-organisiert seit 2012 die KultUp-Kultur-Tweetups. Sie betreibt das private Klassik-Blog WDRSOfan und ist im Web auch hier zu finden: Website | Facebook | Twitter | Google+ | Xing

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