Was ist das für ein Phänomen?

| Keine Kommentare

»Heute geschlossene Gesellschaft« | Bild: PeterFranz / pixelio.de

Bild: PeterFranz / pixelio.de

„Deutschland, was ist los mit dir?“, fragte meine Netzwerk-Texttreff-Kollegin Susanne Ackstaller Ende Juli in ihrem Blog »Texterella«. Warum ist bei vielen unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger das Mitgefühl für die Menschen abhanden gekommen, die derzeit in Deutschland Zuflucht suchen. Warum wird das Schicksal von Menschen, die in ihrer Heimat um ihr Leben fürchten mussten, weil Krieg herrscht, die diskriminiert und verfolgt wurden, mit Hass und Häme kommentiert?

»Das Boot ist voll.«

Der österreichische Journalist und Nachrichten-Moderator Armin Wolf sieht einen Grund dafür in der Zukunftsangst vieler Menschen, die unter anderem daher rührt, dass das Sicherheitsgefühl der prosperierenden Wachstumsjahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, das Gefühl, dass die eigenen Lebensumstände sich kontinuierlich verbessern, schon länger passé ist ((Armin Wolf via Facebook, 18. August 2015)):

»Heute haben sehr viele Menschen Angst vor der Zukunft. Fast eine halbe Million ist arbeitslos, wer nicht selbst betroffen ist, kennt jemanden und fast jeder merkt, wie der Druck am Arbeitsplatz steigt. Wer über Mitte 40 ist, macht sich häufig Sorgen um den eigenen Job, auch in Branchen, in denen das früher nicht so war – und vor allem um die Zukunft seiner Kinder. Dass die es mal besser haben werden, ist keineswegs gewiss, in vielen Mittelstandsfamilien sogar eher fraglich. […]

Diese Phase, an die sich viele als so gut und sicher zurückerinnern, war nicht mehr als ein einmaliges historisches Zeitfenster von wenigen Jahrzehnten zwischen ca. 1960 und den frühen 1990ern. Die ärgste Not nach dem Krieg war vorbei, die Wirtschaft wuchs quasi automatisch und die großen Probleme der Welt waren von uns weggesperrt: Hinter dem Eisernen Vorhang im Osten Europas und in den grauslichen Diktaturen Nordafrikas und des Nahen Ostens.

Aber dieses Zeitfenster ist vorbei. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, der Globalisierung und Digitalisierung der Wirtschaft und zuletzt mit dem ›Arabischen Frühling‹ ist die Geschichte zurückgekehrt.
Die Not im Osten Europas, in Vorderasien und Nordafrika ist nicht mehr hinter Mauern und in Diktaturen eingekerkert, die Menschen dort können sich ebenso frei bewegen wie wir. Sie können sich ein besseres Leben suchen – weg von (Bürger-)Krieg, IS- oder Boko Haram-Terror, neuen Diktatoren und wirtschaftlicher Not.«

Diese Zukunftsängste, die Armin Wolf in seiner sehr klugen und lesenswerten Analyse beleuchtet, sind vielfach sehr real, denn es gibt auch in wohlhabenden europäischen Ländern wie dem unseren Menschen, denen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben kaum noch möglich ist. Gerade deshalb stellen diese Ängste, gepaart mit der Vorstellung, nun auch noch fremde Menschen am eigenen, weniger werdenden Kuchen teilhaben lassen zu müssen, angesichts der dramatischen Situation, die gerade durch immer mehr Zufluchtsuchende in den europäischen Demokratien entsteht, eine große Gefahr dar. Denn sie werden, wie so oft, genährt von Halbwahrheiten und Mythen über Flüchtlinge ((Steffen Dobbert/Nadine Oberhuber, Haben wir wirklich keinen Platz mehr in Deutschland?, Die Zeit, 18. August 2015.)) und finden ihr Ventil in menschenverachtenden Kommentaren – nicht nur, aber vor allem im Internet ((Sascha Lobo, Wie aus Netzhass Gewalt wird und was dagegen hilft, Spiegel Online, 19. August 2015.)) – oder, schlimmer noch, in Angriffen und Brandanschlägen auf Unterkünfte für Asylsuchende.

»Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.« ((Artikel 1 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland))

Collage „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ aus der Ausstellung „One Billion Rising – So bin ich gegen Gewalt“ von Dürener Schülerinnen und Schülern, 26.1.-16.2.2015, Bürgerbüro Düren

Collage aus der Ausstellung „One Billion Rising – So bin ich gegen Gewalt“ von Dürener Schülerinnen und Schülern, 26.1.-16.2.2015, Bürgerbüro Düren

Für unsere Regierenden scheinen die aktuellen Entwicklungen bisher nicht Anlass genug zu sein, umgehend Lösungen für die akut angespannte Situation zu finden, die vorhandenen Ängste in Teilen der Bevölkerung anzusprechen und zu entkräften und entschieden gegen verbale und tätliche Gewalt und Rassismus gegenüber Flüchtlingen Stellung zu nehmen. Letzteres ist bisher nur aus der Zivilgesellschaft und von wenigen Medien- und Kulturschaffenden zu hören. Hier wäre ein aktives Vorleben der Willkommenskultur, die unsere Politikerinnen und Politiker in Sonntagsreden gerne von der Bevölkerung einfordern, schon erforderlich. Unserer Kanzlerin scheint derweil der Hinweis ausreichend, dass Gewalt »unseres Landes nicht würdig« ((Angela Merkel im ZDF-Interview, 16. August 2015)) sei. Wie sie die zuständigen Behörden bei der Bearbeitung der Asylanträge unterstützen und den Kommunen, Hilfsorganisationen und Ehrenamtlichen, die sich vor Ort um die Zufluchtsuchenden kümmern, helfen möchte, war bisher nicht zu vernehmen. Dabei liegt auf der Hand, was Deutschland jetzt tun sollte ((Anja Reimann, Was Deutschland jetzt tun sollte, Spiegel Online, 21. August 2015)). Und: Es ist dringend, liebe Frau Merkel! ((Liebe Frau Merkel – es ist dringend!, Offener Brief von Tanja Finke-Schürmann, Fragologie.de, 20. August 2015))

Es ist auch deshalb so dringend, weil wir es bei der zunehmend gewalttätigen Stimmung gegenüber Flüchtlingen überdeutlich mit einem alten Bekannten zu tun haben: mit demselben Phänomen, das zuletzt die deutsche Gesellschaft der Generation unserer Großmütter und Großväter vergiftete und im Zweiten Weltkrieg mündete. Dem Phänomen von Ausgrenzung, Fremdenhass und Faschismus, wie es bereits vor Jahrzehnten eindrucksvoll von Hanns Dieter Hüsch beschrieben wurde ((Hanns Dieter Hüsch, Das Phänomen (Textfassung) )):

Seine abschließende Aufforderung sollten wir uns heute (wieder) mehr denn je zu Herzen nehmen:

»[…] Lasst keinen kommen der da sagt / Dass ihm dein Spielfreund nicht behagt
Dann stellt euch vor das Türkenkind / dass ihm kein Leids und Tränen sind
Dann nehmt euch alle an die Hand / Und nehmt auch den, der nicht erkannt
Dass früh schon in uns allen brennt / Das, was man den Faschismus nennt
Nur wenn wir eins sind überall / Dann gibt es keinen neuen Fall
Von Auschwitz bis nach Buchenwald / Und wer’s nicht spürt der merkt es bald
Nur wenn wir in uns alle sehn / Besiegen wir das Phänomen
Nur wenn wir alle in uns sind / Fliegt keine Asche mehr im Wind«

»Es kann manchmal so einfach sein.« ((Klaus Kleber am 12. August 2015 im heute journal zur Willkommensgeste eines Busfahrers.))

Es ist an der Zeit, uns an die Hand zu nehmen und Stellung zu beziehen. Sei es mit veröffentlichten Worten, wie in der Aktion »Blogger gegen Flüchtlingshass« von Susanne Ackstaller oder durch Gespräche, in denen Fremdenhass mit Argumenten begegnet wird ((Pro Asyl: Fakten gegen Vorurteile)).

Wie kann ich helfen?

Wer konkret helfen möchte, findet im Blog www.wie-kann-ich-helfen.info von Birte Vogel, einer weiteren Netzwerk-Texttreff-Kollegin, sicher eine passende Hilfsidee. Dieses ehrenamtlich betriebene Blog ist das erste und einzige umfangreiche Informationsportal zu Hilfsprojekten für Flüchtlinge in ganz Deutschland und stellt nicht nur Links, sondern auch umfangreiche Informationen zu den Projekten zur Verfügung.

Bloggeraktion für Flüchtlinge #bloggerfuerfluechtlinge

Kolleginnen und Kollegen von der bloggenden Zunft können sich an der Fundraising-Aktion »Blogger für Flüchtlinge« beteiligen, die Spenden für den Berliner Verein »Moabit hilft« sammelt. Mehr Informationen dazu gibt es u. a. im Blog von Nico Lumma, der die Aktion mit ins Leben gerufen hat: Blogger für Flüchtlinge – macht mit!

Welcome Grooves – Deutsch lernen mit Musik für Flüchtlinge

Und um der Frage zuvorzukommen, wie ich selbst mich denn für Flüchtlinge engagiere:

Gemeinsam mit der Sprachkurs-Produzentin Eva Brandecker – richtig geraten: auch sie ist eine Kollegin aus dem weltbesten Netzwerk Texttreff – arbeite ich derzeit in einer Crowdsourcing-Aktion gemeinsam mit mehr als 60 Kreativen aus den Bereichen Übersetzung, Text und Medien am Audio-Deutschkurs mit Musik »Welcome Grooves«, der Ende September zum kostenlosen Download im Internet angeboten wird. Dieser Kurs ist als freundlicher Willkommensgruß und Erleichterung der Anfangskommunikation gedacht und soll die Lücke zwischen der Ankunft der Flüchtlinge und organisierten Deutschkursen schließen. Mehr über dieses Projekt findet ihr im Blog von The Grooves () und im Storify zur Projektdokumentation: #Deutschlernen mit den #WelcomeGrooves.

»Gebt jetzt ein Zeichen, ein Signal.«

Die durch Flüchtlingsströme und Zuwanderung enstehenden Aufgaben können nur von uns allen gemeinsam bewältigt werden. Deutschland wird als »sicherer Hafen« angesteuert, weil wir hier in einer friedlichen Demokratie leben. Das ist ein Privileg, aber keine Garantie dafür, dass das für immer so bleibt. Jetzt aber, wo wir Flüchtlingen vorübergehend oder auch für längere Zeit Schutz bieten können, sollten wir genau das tun und die Menschen, die jetzt auf unsere Hilfe angewiesen sind, bei uns willkommen heißen und ihnen ein Signal geben, dass ihr Schicksal uns berührt. Ein Zeichen von Mitgefühl und Menschlichkeit und sei es nur ein Lächeln. Wir sollten jetzt hinsehen und helfen, wo Hilfe gebraucht wird.

»Nur wenn wir in uns alle seh’n, besiegen wir das Phänomen.«

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.