Crowdfunding: Brauchen wir noch Banken?

| 5 Kommentare

Crowdfunding, die (gar nicht so) neue Art der Finanzierung durch viele UnterstützerInnen im Vorfeld eines Projekts, ist derzeit in aller Munde. Wer nicht den Begriff Crowdfunding wählt, spricht von Schwarm- oder Mikrofinanzierung, meint aber dasselbe: Um (Kultur-)Projekte zu realisieren, geben die InitiatorInnen zuvor »den Hut herum« und sichern den MitfinanziererInnen bei Zustandekommen des Projekts eine nach Höhe der Summe gestaffelte Prämie als Gegenwert zu. Da bereits viele Projekte auf diese Art zustande kamen und auch erhebliche Summen erfolgreich finanziert wurden, findet das Thema zunehmend Interesse. Es wurde auf Konferenzen wie der stART.10, der co:funding und bei netz.macht.kultur behandelt und auch die Wissenschaft in Form des Fraunhofer Instituts hat begonnen, Crowdfunding unter die Lupe zu nehmen.

»Wir brauchen keine Bank«

Persönlich beschäftige ich mich bereits seit längerer Zeit sowohl beruflich wie privat mit dem Thema Crowdfunding. Und je intensiver man sich einem Thema nähert, desto »zufälliger« stolpert man ständig über Informationen, die damit zusammenhängen. So ging es mir jedenfalls, als ich kurz nach der Rückkehr vom Workshop »Crowdfunding innovativer und kreativer Vorhaben« im Karlsruher Fraunhofer Institut ISI – hier zusammengefasst von Wolfgang Gumpelmaier –  die ZEIT las. Dort diskutierte Stéphane Hessel im Gespräch mit Richard David Precht unter anderem die Frage, ob es möglich sei, den Geldverkehr zu regulieren, woraufhin der 93-jährige Hessel bemerkte:

Aber es entsteht Neues, wenn Produzenten und Konsumenten zusammenkommen und sagen: Wir brauchen keine Bank, wir können uns gegenseitig helfen. […] Brauchte es dafür einen neuen Menschen? Oder könnte es derselbe Mensch sein, der sich selbst und die anderen anerkennt? [Die Zeit, »Wir brauchen einen neuen Aufbruch!«, 1.6.2011, S.58]

Die Philosophie des Crowdfunding

Damit hat Stéphane Hessel die Philosophie und einen wesentlichen Aspekt des Crowdfunding sehr genau umrissen: gegenseitige Hilfe und Anerkennung, im Gegensatz zum Verlangen, aus einem finanziellen Engagement auch größtmöglichen finanziellen Profit zu schlagen. Beim Crowdfunding geht es darum, andere von der eigenen Idee zu überzeugen und ihnen für ihre finanzielle Beteiligung etwas zu bieten, was sie sonst nicht bekommen: Das Gefühl, eine gute, wichtige, erfolgversprechende Sache unterstützt zu haben – oder schlicht geholfen zu haben – und dafür Anerkennung in Form einer für den Einzelnen wertvollen Prämie zu erhalten und sei es nur die Erwähnung des Namens.

Entdecke die Möglichkeiten

Crowdfunding bietet durch die direkte Kommunikation zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen sehr viele Vorteile. Produktideen können zum Beispiel bereits im Vorfeld getestet, diskutiert und gegebenenfalls vor der Produktion weiterentwickelt werden. Wer als UnterstützerIn von einer Projektidee oder einem Produkt von Anfang an überzeugt ist, wird zum Sprachrohr dieser Idee, wird sie im Freundes- und Bekanntenkreis erwähnen und weiterempfehlen. Das alles hört sich nach paradiesischen Voraussetzungen für Projektverwirklichungen aller Art an. Wo ist der Haken?

Der Haken

Der Erfolg einer Kampagne stellt sich nicht von selbst ein. Vielmehr ist es harte Arbeit […]

erklärt Wolfgang Gumpelmaier in seinem Beitrag »Warum Crowdfunding kein schnelles Geld verspricht« im gerade erschienenen Buch »Social Media im Kulturmanagement«. Diese Auffassung teilt auch Christian Henner-Fehr, der in seinem Blogbeitrag »Crowdfunding: ein Finanzierungsansatz für Kunst und Kultur?« darüber hinaus entscheidene Kriterien für erfolgreiche Crowdfunding-Kampagnen nennt:

Die Erfolgsformel lautet: Qualität+Reputation+Netzwerk.

Der Haken bei der Projektfinanzierung mittels Crowdfunding ist also: Ich muss Qualität liefern, ich muss mir bereits einen vertrauenswürdigen Ruf erworben und/oder genügend bekannte und glaubwürdige FürsprecherInnen haben und richtig viel Arbeit investieren, um mein Anliegen bekannt zu machen. Das ist im Social Web nicht anders als auf dem Marktplatz, wo ich auch wenig Aussicht auf Erfolg habe, wenn ich nur einmal laut »Kauft, Leute, kauft!« rufe, mich dort aber noch nie jemand gesehen oder von mir gehört hat.

Die Chancen

Gäbe es diesen Haken nicht, könnte dem Crowdfunding, ähnlich wie anderen Finanzierungsmethoden, die Gefahr drohen, dass gutgläubigen Menschen mit windigen Geschäftsmodellen und Versprechen Geld aus der Tasche gezogen wird. Der Haken oder besser gesagt die Hürde für die ProjektinitiatorInnen ist also zugleich eine Art Garantie für die ProjektunterstützerInnen, dass sie es mit ernsthaften Anliegen zu tun haben, die zudem von vielen Augen aus der »Crowd« sehr kritisch begleitet werden.

Christian Henner-Fehr fragt am Ende seines Beitrags:

Ist Crowdfunding etwa für alle Projekte im Kunst- und Kulturbereich geeignet oder ist die Tendenz, dass Kunst „gefallen“ muss, um finanziert zu werden, nicht eine Entwicklung, die den Mainstream begünstigt? Eine andere Frage ist, ob Crowdfunding die öffentliche Förderung ersetzen kann oder ob es darum geht, Modelle zu entwickeln, die beide Finanzierungsformen kombinieren? Wie sehen Sie das?

Spread the idea

Ich glaube, dass Crowdfunding und die dahinterstehende Philosophie zunächst einmal einen viel größeren Bekanntheitsgrad erreichen muss. Diese Art der Kultur- und Projektfinanzierung hat es zwar schon zu Zeiten Mozarts und Reclams gegeben, sie ist aber zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten und taucht jetzt als Phänomen des (für manche suspekt wirkenden) Social Web wieder auf. Umso wichtiger ist die wissenschaftliche Untersuchung und Begleitung des Instruments Crowdfunding, um allen Interessierten eine objektive Einordnung zu ermöglichen.

Studien und Diskussion

Das Institut für Kommunikation in den sozialen Medien (ikosom) hat mit der Veröffentlichung der »Crowdfunding-Studie 2011« hier eine Vorreiterrolle übernommen. Voraussichtlich Ende Juli wird das Fraunhofer Institut ISI das Ergebnis seiner Studie »Crowdfunding und andere Formen informeller Mikrofinanzierung in der Projekt- und Innovationsfinanzierung« vorlegen.

Auch Veranstaltungen wie der erwähnte Workshop des Fraunhofer Instituts, dessen Publikum aus der Crowdfunding-Community, der Kreativwirtschaft, der Finanzwelt, der Politik und der Wissenschaft stammte, halte ich für außerordentlich wichtig, damit Definitionen, Möglichkeiten und Risiken des Crowdfunding von diesen Beteiligten gleich gemeinsam diskutiert werden und anschließend von den Teilnehmenden in ihre jeweiligen Bereichen weitergetragen werden können.

Was wollen wir?

Aus meiner Sicht zeigen die aktuellen Entwicklungen auf den Crowdfunding-Plattformen, wie z. B. mysherpas und startnext, und viele erfolgreich finanzierte Projekte, wohin der Trend geht: »Wir brauchen keine Bank, wir können uns gegenseitig helfen«. Auch Unternehmen in der Gründungsphase können dank Plattformen wie seedmatch finanzielle Unterstützung finden. Crowdfunding wird also schon jetzt als Ergänzung zur staatlichen Wirtschafts- und Kulturförderung genutzt. Wird »die Politik« daraus folgern, dass sie Fördergelder entsprechend kürzen oder streichen kann?

Solange staatliche Kulturförderung der Erkenntnis entspringt, dass Kunst und Kultur elementar für die menschliche Entwicklung und das gesellschaftliche Zusammenleben sind, hoffentlich nicht. Dass immer mehr BürgerInnen sich für Kulturprojekte auch privat finanziell engagieren, sollte für den Staat eher Bestätigung und Ansporn zur Forsetzung und Intensivierung der Förderung sein. Zumal er selbst durch die aktive Beteiligung an positiven Entwicklungen und die Förderung des wachsenden Gemeinsinns nur profitieren kann.

 

arbeitet als selbstständige Projektmanagerin für Kunden aus der Kultur-, Verlags- und Medienbranche. Ihr Leistungsspektrum umfasst die Konzeption von Kulturvermittlungsprojekten und (Social-)Web-Präsenzen, Redaktion, Text und Webdesign. Seit 2009 beschäftigt sie sich intensiv mit den interaktiven Möglichkeiten des Social Web für Kultureinrichtungen, schreibt Artikel und hält Vorträge zu diesem Thema und co-organisiert seit 2012 die KultUp-Kultur-Tweetups. Sie betreibt das private Klassik-Blog WDRSOfan und ist im Web auch hier zu finden: Website | Facebook | Twitter | Google+ | Xing

5 Kommentare

  1. Jetzt hinterlasse ich meinen Kommentar hier auch noch. :-)

    Deine Überschrift macht deutlich, dass Crowdfunding in ganz unterschiedliche Richtungen gehen kann. Banken waren für die Kultur noch nie eine besondere Hilfe, insofern könnten wir das „noch“ aus Deiner Frage streichen. Crowdfunding als Ersatz für die Banken ist aber in vielen anderen Bereichen ein Thema, z.B. im kommerziell ausgerichteten Teil der Kreativwirtschaft. Ob Banken in diesem Bereich oder die öffentlichen Fördergeber im nicht gewinnorientierten Kunst- und Kulturbereich, in beiden Fällen kann das Crowdfunding diese beiden Player nicht ersetzen.

    Ob die öffentliche Hand das private Engagement auf den diversen Crowdfunding-Plattformen als Ansporn für eigene Aktivitäten ansieht, das ist zwar wünschenswert. Aber ich muss gestehen, ich bin da nicht so optimistisch wie Du.

    • Wenn ich mir anschaue, was gerade bei unseren holländischen Nachbarn geschieht, ist das tatsächlich ein Anlass, pessimistisch in die Zukunft der Kulturförderungspolitik zu schauen. Dort sind die Regierenden offensichtlich der Meinung, Kultur könne schon jetzt ausschließlich privat finanziert werden und zwar von jetzt auf gleich.

      Mich beschäftigt beim Thema Crowdfunding vor allem die Philospophie, die dahintersteht, weshalb ich auch Stéphane Hessels Gedanken aufgegriffen habe. Er bezog sich ja gar nicht auf diese konkrete Finanzierungsmethode, sondern darauf, dass wir generell vieles ändern und durchsetzen könn(t)en, wenn wir denn woll(t)en. Seiner Meinung nach bräuchte es keine Banken mehr, wenn wir uns gegenseitig anerkennen und unterstützen und genau das beweisen realisierte Crowdfunding-Projekte ja auf eindrucksvolle Weise. Allerdings ist uns genau diese Art der Anerkennung und Hilfe, die den Crowdfunding-Gedanken trägt, in den letzten Jahrzehnten abhanden gekommen. Oder sie ist uns, wie der britische Historiker Tony Judt meint, durch die (Finanz-)Politik aberzogen worden: “We know what things cost but have no idea what they are worth” (Ill Fares The Land).

      Offensichtlich haben bei Crowdfunding-Kulturprojekten aber nicht nur genügend Menschen eine Ahnung davon, was Kultur kostet, sondern auch davon, was sie (ihnen) wert ist. Und das stimmt mich wiederum optimistisch. Nicht weil ich hoffe, dass wir sehr bald den Schalter komplett auf Kulturfinanzierung via Crowdfunding umlegen können, sondern weil ich hoffe, dass wir anhand einer zunehmenden Zahl von erfolgreichen Crowdfunding-Beispielen und mit Hilfe der Interaktionsmöglichkeiten des Social Web wieder lernen, uns zu engagieren, zu solidarisieren und uns gemeinsam (lautstark) für das einzusetzen, was uns wichtig ist. Im Zuge dessen könnten sich dann auch die (kultur)politischen Mitbestimmungsmöglichkeiten erweitern und sich das Verhalten der öffentlichen Hand verändern. So, und jetzt geh’ ich das Apfelbäumchen mal gießen ;-)

  2. Wenn man Leute fragt, warum sie Projekte über Crowdfunding-Plattformen unterstützen, werden immer wieder zwei Gründe genannt: erstens der Spaß, aus einer momentanen Laune heraus ein Projekt zu unterstützen. Andererseits das Gefühl, mit dem eigenen (meist recht kleinen) Beitrag ein Vorhaben ermöglicht zu haben.

    Vor diesem Hintergrund weiß ich gar nicht, ob es was bringt, das Thema Crowdfunding auf einer übergeordneten Ebene zu diskutieren? Also etwa die von Dir gestellte Frage nach dem Wert von Kunst. Meinst Du, dass der Erfolg von Crowdfunding damit zu tun hat?

    • Ich weiß nicht, ob ich deine Frage/n richtig verstanden habe, Christian. Meinst du, dass Crowdfunding sich im Kulturbereich nicht etablieren wird, weil es dort per se weniger UnterstützerInnen gibt, die sich spontan engagieren und/oder dass die investierten Beträge zu gering sind und deshalb die Diskussion des Themas nicht lohnen würde?

      Wie schon im Beitrag erwähnt, glaube ich, dass beim Thema Crowdfunding grundsätzlich noch sehr hoher Aufklärungsbedarf besteht. Deshalb fände ich es schon sinnvoll, das Thema zu diskutieren. Und zwar nicht nur auf übergeordneter Ebene, sondern überhaupt, weil viele ja noch gar nicht wissen, was Crowdfunding ist und wie es eingesetzt werden kann. Es steckt ja hierzulande wirklich noch in den Kinderschuhen.

      Das war auch ein Fazit des erwähnten Crowdfunding-Workshops im Fraunhofer Institut Karlsruhe, wo das Thema erstmals (so weit ich weiß) gemeinsam von einem Fachpublikum aus der CF-Community, der Kreativwirtschaft, der Finanzwelt, der Politik und der Wissenschaft diskutiert wurde. Dort wurde zum Beispiel deutlich, wie wichtig es – nicht nur aus (steuer-)rechtlicher Sicht – ist, sich überhaupt erst einmal über Begrifflichkeiten und Definitionen klar und einig zu werden.

      Allerdings könnte die Idee/Philosophie des Crowdfunding im Zuge einer breiten Debatte auch „zu Tode“ diskutiert bzw. reguliert werden. Denn, wie du schon richtig sagst, werden Projekte bisher oft aus einem spontanen Impuls heraus unterstützt. Allerdings nicht nur mit „recht kleinen“ Beiträgen, denn laut Ikosom-Studie lag der durchschnittliche Beitrag bei 79 Euro pro UnterstützerIn. In meinen Augen trägt die Möglichkeit, sich spontan zusammenzufinden und auf (technisch) einfache Weise gemeinsam für Projekte zu engagieren in der Tat entscheidend zum Erfolg des Crowdfunding bei. Und offensichtlich ist das Bedürfnis, für gut und wert befundene Vorhaben zu unterstützen und an einem Wir-Gefühl teilzuhaben, auch so ausgeprägt, dass selbst in unserer „Ellenbogengesellschaft“ erfolgreich Crowdfunding-Projekte finanziert werden.
      Daher auch mein Optimismus, dass diese Idee der gegenseitigen Unterstützung und des Engagements bei entsprechender Verbreitung zukünftig nicht nur zur Realisierung verschiedenster Projekte – auch im Kulturbereich, warum nicht? – führt, sondern im Zusammenspiel mit den Möglichkeiten des Social Web auch noch weitere gesellschaftspolitische Möglichkeiten der Partizipation eröffnet.

  3. Pingback: Verlängerung der Crowdfunding-Blogparade | Social Film Marketing BLOG

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.