Forum Kulturvermittlung Bern: Wie kann der Zugang zur Kultur für alle gefördert werden?

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»Ist die Kulturvermittlung tatsächlich die richtige Antwort auf schwindende Publikumszahlen und das Desinteresse der Mehrheit der Bevölkerung an der geförderten Kultur? Müssten nicht viel eher das Angebot und die Förderpolitik hinterfragt werden? Wird durch Kulturvermittlung das Problem des Ausschlusses breiter Bevölkerungsteile vom kulturellen Leben gelöst oder wird es im Gegenteil noch zementiert, indem staatlich verordnet wird, welche Kultur an wen vermittelt werden soll? «

Diese Fragen standen im Mittelpunkt des 2. Forum Kulturvermittlung am 25. November 2011 in der Dampfzentrale Bern. Gemeinsam veranstaltet und ganz hervorragend organisiert von Eva Richterich (Projektleiterin der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia) und Martin Müller (Abteilung Kulturelles, Präsidialdirektion der Stadt Bern), hatten sich knapp 100 Schweizer Kulturverantwortliche und -schaffende eingefunden, um die Meinungen von drei internationalen ExpertInnen zum Thema »Kulturvermittlung – Marketing oder Veränderungsimpuls?« zu hören und anschließend mit ihnen zu diskutieren.

Internationaler Erfahrungsaustausch

So unterschiedlich die Projekte und Herangehensweisen waren, die Ulrike Schmid (Frankfurter Kultur-PR-Expertin, u.s.k./Kultur 2.0), Ruud Breteler (Projektmanager der Abteilung für Kunst und Kultur der Stadt Rotterdam) und Andrew Burke (Leiter des Ensembles London Sinfonietta) in ihren Impulsreferaten vorstellten, im Fazit stimmten sie darin überein, dass (neue) Publika für Kultur nur dann gewonnen werden können, wenn ihnen zugehört und die Hand gereicht wird. Audience outreach, die englische Entsprechung des Begriffs Kulturvermittlung, trifft da gleich viel anschaulicher des Pudels Kern als sein deutschsprachiges Pendant.

Die größte Hürde ist, Fragen zu stellen

Foto: Paul Marx | pixelio.de

Es geht darum, beim Publikum anzuklopfen und es nach seiner Meinung zu fragen. Ruud Breteler hat genau das im wahrsten Sinne des Wortes getan, als er 1998 die Leitung des Theater Zuidplein in Rotterdam übernahm. In seinem Vortrag »Who’s not coming?« schilderte er eindrücklich seine praktischen Erfahrungen mit der »Ermächtigung« des Publikums.

Er hat den direkten Kontakt zu den aus 170 verschiedenen Kulturen stammenden StadtbewohnerInnen gesucht, um sie zu fragen, was für ein Theaterprogramm sie sich wünschen würden. Darüber hinaus bot er ihnen die Möglichkeit, ein Komitee (ausschließlich Laien) zu bilden und das Theaterprogramm aktiv und autonom mitzugestalten. Als Leiter des Theaters nahm er bei diesen Programmpunkten, die etwa 75% des Spielplans ausmachten, nur eine koordinierende und beratende Funktion hinsichtlich Finanzierung und aufführungstechnischen Fragen ein.

Eine demütige Grundhaltung ist vonnöten

Bretelers glaubwürdiges Credo nach diesen Erfahrungen ist: Wer neue und größere Publika mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen gewinnen möchte, sollte die Menschen demütig (!) fragen, was sie in ihrer Freizeit am liebsten tun und sehen möchten. In dieser »Ermächtigung« der Menschen liegt seiner Erfahrung nach die Antwort auf die Frage, wie mit Hilfe der Kunst ein gesellschaftlicher Wandel angestoßen werden kann.
»Outreaching will result in audience development«, lautet Bretelers These, der den Kulturverantwortlichen dazu rät »humble professionals« zu werden. Seine Initiative, die von der (Kultur-)Politik forciert und mitgetragen und von den lokalen Wohngenossenschaften, KünstlerInnen, kulturellen Einrichtungen, SozialarbeiterInnen und Kulturscouts mitgestaltet wurde, führte zu einer Vielzahl von neuen kulturellen Festivals und Veranstaltungen rund um die Aktivitäten des Theaters Zuidplein. Und letztlich auch zum Engagement großer Einrichtungen und Wohnungsgesellschaften für das Projekt.

Wo führt es hin, wenn das Publikum das Programm macht? Wo bleibt die Qualität?

Ruud Breteler hat mit seinen vielen MitstreiterInnen einen radikal neuen Ansatz der Publikumsgewinnung getestet, der nach langer rotzahliger Durststrecke langfristig von Erfolg gekrönt war. Das Theater hat allerdings auch Teile des alten Stammpublikums verloren, die es sich aber durchaus leisten konnten, alternative Spielorte aufzusuchen. Was die Qualitätsfrage angeht, ist Breteler überzeugt, dass das Kunstempfinden »einfacher Leute« nicht geringer geschätzt werden sollte als die Meinung ausgebildeter (Theater-)ExpertInnen. Im gemeinsamen Organisieren und Erleben kultureller Veranstaltung sieht Breteler eine ganz neue und emotionale Qualität von Kunst und Kultur: »Quality is the emotion you share with people next to you«.

Das Modell mag sich nicht 1:1 umsetzen lassen, die dahinterstehende Haltung einzunehmen und sich auf das Publikum und eine Interaktion mit ihm einzulassen, halte ich dennoch für möglich, wünschenswert und erforderlich.

Veteranen der Publikums(ein)bindung

Andrew Burkes Erfahrungen mit Kulturvermittlung und Publikumsbindung reichen noch länger zurück, starteten entsprechende Programme in Großbritannien doch bereits vor 30 Jahren. Der derzeitige Leiter der London Sinfonietta, der zuvor das Education- und Community-Programm »LSO Discovery« des London Symphony Orchestra leitete, betonte in seinem Vortrag »Great Art for Everyone – a UK perspective on audience engagement«, dass die britischen Programme nicht bezweck(t)en, die Publikumszahlen der Konzerte zu steigern. Vielmehr waren und sind sie darauf ausgelegt, Menschen für Musik und das Musizieren zu begeistern und ihnen sowohl einen einfachen Zugang zur Kultur als auch die Möglichkeit zu bieten, selbst aktiv zu werden und mitzuwirken. Beispielhaft sei hier nur die LSO-Aktion »Take a Bow« erwähnt, bei der GeigenschülerInnen – egal ob im Anfangs- oder Fortgeschrittenenstadium – gemeinsam mit den MusikerInnen des Orchesters ein eigens für diesen Anlass komponiertes Stück aufführten. Dass die britischen Education- und Community-Programme für essentiell wichtig erachtet werden, zeigt auch die Tatsache, dass sie finanziell sehr gut ausgestattet sind, was Andrew Burke nicht unerwähnt ließ.

Ganz klar stand auch bei ihm der Aspekt der Partizipation im Fokus aller Bemühungen, (neues) Publikum für klassische Musik zu gewinnen. In der anschließenden Diskussion nach Ratschlägen und Tipps für die Umsetzung derartiger Programme gefragt, antwortete er im Hinblick darauf, dass europäische KollegInnen sich seiner Beobachtung nach sehr mit Detail- und Organisationsfragen aufhielten: »Just do it!«

Kultur-PR in Theorie und Praxis

Ulrike Schmid widmete sich in ihrem Vortrag der Frage »Schafft PR mehr Zugang zur Kultur?«. Sie erläuterte die Unterschiede zwischen Public Relations, Marketing und Werbung und zeigte anhand mehrerer spannender Projektbeispiele auf, wie das »bewusste und legitime Bemühen um Verständnis sowie um Aufbau und Pflege von Vertrauen in der Öffentlichkeit auf der Grundlage systematischer Erforschung« (so die PR-Definition der DPRG) in der Praxis aussehen kann.

Auch ihre vorgestellten Kultur-PR-Projekte – ob mit und ohne Einbindung von Social Media – hatten als zentralen Bestandteil die Einbeziehung des Publikums bei konkreten Aktionen in den jeweiligen Kultureinrichtungen. Sei es durch die Auswahl von Lieblingsstücken im Heimatmuseum (»Mein Kunstabenteuer«, Mindelheimer Museen), durch das Malen von Bildern im und für das Museum (»1000 Bilder für das Städel«, Städel Museum Frankfurt) oder durch die Möglichkeit, via Social Media MusikerInnen interviewen zu können (KAtalk, Kronberg Academy) oder vor Ort und/oder übers Internet an Twitter-Museumsführungen teilzunehmen (Tweetups, München und Umgebung).

Voraussetzungen für erfolgreiche Kultur-PR

Ulrike Schmid betonte, dass PR immer nur reagieren könne. Wenn das Angebot einer Einrichtung nicht stimme, könne auch die beste PR nichts ausrichten. Voraussetzung für das erfolgreiche Gelingen von Kultur-PR sei die Bereitschaft der Institutionen, auf Augenhöhe mit dem Publikum kommunizieren zu wollen und Wert auf Beziehungsaufbau und -pflege zu legen. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt seien, könne PR vor allem (aber nicht nur) im Social Web mehr Zugang zur Kultur bieten, sofern die Social-Media-Kanäle nicht nur zur Ankündigung von Veranstaltungen genutzt werden. Im sehr lesenswerten Blogbeitrag »Public Relations sind nicht Medienarbeit« hat Ulrike Schmid ihre Thesen übrigens noch einmal zusammengefasst.

Ein wunderbares Veranstaltungsformat

Im Anschluss an die Impulsreferate standen die ExpertInnen den Teilnehmenden für Fragen und Diskussionen zur Verfügung. Mithilfe farblich unterschiedlich markierter Namensschilder fanden sich die Teilnehmenden zu drei Gruppen zusammen, die von den ReferentInnen in Begleitung je einer Moderatorin nacheinander für 30-minütige Diskussionsrunden besucht wurden. Die Gelegenheit, Verständnisfragen oder weiterführende Fragen zu den Vorträgen zu stellen, wurde – zumindest in meiner Gruppe – rege genutzt. So konnte trotz des kompakten Tagungszeitraums von nur viereinhalb Stunden ein intensiver Austausch stattfinden.

Eine schöne Idee war auch, die Veranstaltung von einführenden und abschließenden kulturphilosophischen Gedanken des Kulturjournalisten Wolfgang Böhler, Chefredakteur des Online-Musikmagazins »codexflores«, einrahmen und Zeit für fünf resümierende Statements von Teilnehmenden zu lassen. Besonders eindrücklich war Barbara Webers flammendes Plädoyer an alle, die sich an den Schnittstellen zwischen Kultur und Publikum befinden, ihre Verantwortung für die Kulturvermittlung wahrzunehmen und aktiv zu werden. Xavier Zuber wünschte dem Plenum Mut, an die Kunst zu glauben und gab allen ein kräftiges: »Just do it!« mit auf den Weg. Eine Aufforderung, die ich eine Woche zuvor gleichlautend auch auf der stARTconference 2011 vernommen hatte.

Im Anschluss an das Forum Kulturvermittlung (und die wunderbare Bewirtung beim Apéro) waren die Teilnehmenden noch eingeladen, die Aufführung von vier Tanzvermittlungsprojekten zu besuchen, die von beeindruckender Kreativität und intensiver Probenarbeit zeugten. Nach dem ausgiebigen Theoretisieren in den Stunden zuvor war diese engergiegeladene Performance ein schöner Praxis-Schlusspunkt.

Fazit

Mein Blick über den Tellerrand hat mir eines ganz deutlich gezeigt: Internationaler Austausch über konkrete Erfahrungen mit Kulturvermittlungsprojekten ist wichtig, hilfreich und inspirierend. Noch wichtiger ist es, dass alle, denen an Kultur liegt und die in der Lage sind, sie Menschen näher zu bringen, diese Verantwortung im Alltag auch wahrnehmen sollten. Am allerwichtigsten ist aber, aktiv zu werden und die Ärmel hochzukrempeln. Um mit Andrew Burke und Ruud Breteler zu sprechen: Just do it! Go out and ask!

Mein herzlicher Dank an dieser Stelle gilt Eva Richterich und Martin Müller für die hervorragende Organisation, den ExpertInnen des Forums für ihre ermutigenden Beiträge, den Teilnehmenden der »grünen Gruppe« für anregende Diskussionsrunden und Anisha Imhasly, Regula Stibi Lüscher und Eva Richterich, für die kompetente Moderation derselben.

Und ein ganz besonderer Dank noch an die Kulturstiftung Pro Helvetia für ihr überaus lesenswertes Kulturmagazin »Passagen«, dessen spannende Ausgabe »Die Kunst(ver)führer« (Nr. 51/2009) beim Forum auslag und mir mit anregenden Berichten über Schweizer Kulturvermittlungsprojekte die lange Rückfahrt verkürzte.

Ádiemerssi!

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Wer auch den Konferenzbericht von Ulrike Schmid lesen möchte, voilà:
»Go out and ask. Das war das zweite Forum Kulturvermittlung«

 

 

10 Kommentare

  1. Pingback: Kultur 2.0 » Go out and ask. Das war das zweite Forum Kulturvermittlung

  2. Gefällt mir sehr gut, dein Bericht von der Tagung! Und bei mir waren die gelbe und rote Gruppe genauso diskutierfreudig.;-)

    • Merci villmal, liebe Ulrike! :-) Dann ist die Idee mit den Gruppendiskussionen ja richtig gut aufgegangen. Schade, dass es davon keine Zusammenfassung mehr gab.

  3. Danke für diesen sehr informativen Beitrag, Birgit! Was mich interessieren würde: wie wurde denn die Herangehensweise von Ruud Breteler von den TeilnehmerInnen bewertet? Ich stelle mir immer vor, was passiert, wenn ich mit so einem Vorschlag in einen ganz normalen Kulturbetrieb gehe. Wie schafft man es, so einen Ansatz umsetzen zu können? Muss die Kultureinrichtung da schon völlig am Ende sein oder welche Tricks hat Ruud Breteler eingesetzt?

    • Es freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat, lieber Christian. Der (einzige) »Trick« bei diesem Projekt war, dass es damals (1998) politisch gewollt war. Der Stadtradt von Rotterdam hat das Theater zum wichtigsten Schauplatz für kulturelle Diversität ernannt und Ruud Breteler bei diesem Projekt massiv unterstützt. Und zwar auch in der langjährigen Durststrecke nach Beginn des Projekts, als das Theater rote Zahlen schrieb. 2008 hat der Stadtrat dann zudem beschlossen, Kultur als Werkzeug einzusetzen, um das soziale Leben in den Nachbarschaften zu verändern. Es handelte sich also um eine »konzertierte Aktion«, bei der ein ganzes Netzwerk von städtischen Einrichtungen beteiligt war – inklusive der erwähnten Kulturscouts, die es wohl nur in den Niederlanden gibt (?) – die das Projekt gemeinsam zum Erfolg geführt haben. Das kulturpolitische Klima hat also damals gestimmt und dieses Projekt forciert und mitgetragen. Ruud Breteler wies bei seinem Vortrag auch darauf hin, dass der Wind in den Niederlanden ja mittlerweile bedauerlicherweise aus der ganz anderen Richtung bläst.

  4. Stimmt, heute wäre so etwas vermutlich in den NL nicht mehr möglich. Ich hätte bei einer solchen Idee aber immer die Befürchtung, dass auch der Kulturbetrieb selbst davon nicht begeistert ist, denn ganz generell haben wir in unseren Breitengraden ein recht elitäres Kunstverständnis, das einer solchen Idee eher im Weg steht. Oder sehe ich das falsch?

    • Nein, das siehst du – leider – nicht falsch, Christian ;-) Zumindest empfinde ich es genauso. Vielleicht hat dieses Projekt u. a. auch deshalb funkioniert, weil sich in den Niederlanden das Zusammenleben so vieler unterschiedlicher Kulturen auf sehr engem Raum abspielt. Der Ansatz, Kultur als Werkzeug für ein harmonische(re)s gesellschaftliches Zusammenleben zu nutzen, war dort vielleicht viel eher von Notwendigkeit getrieben, als es in Deutschland oder Österreich der Fall ist.
      Letztlich stehen Kultureinrichtungen aber doch länderübergreifend vor der Frage »Who’s not coming?«. Mir scheint nur, viele verschließen (noch) die Augen vor dieser Frage und möchten (noch) keine Antwort darauf suchen, weil sie ahnen, dass sich dann etwas oder vielleicht auch sehr viel ändern müsste. Dabei müssten die Veränderungen ja keineswegs gleich so radikal sein, dass das Publikum den kompletten Spielplan verantwortet oder alle Austellungen kuratiert. Ruud Breteler erwähnte aber, dass sich in den Niederlanden 70% der Bevölkerung in der Freizeit aktiv künstlerisch betätigen. Bei seiner Anklopfaktion und den Fragen »Was machst du gerne in deiner Freizeit? Wo würdest du gerne hingehen?«, ist er also auf viele Menschen gestoßen, die sich ohnehin schon für Kunst und Kultur interessieren, die aber noch nie jemand gefragt hat, was sie denn gerne im Museum oder Theater sehen würden, weil es dafür ja die »ExpertInnen« gibt. Daher ja auch seine Empfehlung an diese ExpertInnen, demütiger zu werden und nicht den Kunstverstand »einfacher Leute« zu verkennen, sondern sie in ihre Arbeit aktiv einzubeziehen.

  5. Einzelne Kultureinrichtungen versuchen zumindest, in diese Richtung zu gehen. Das Thalia-Theater lässt gerade über einen Teil der Neuinszenierungen für die kommende Spielzeit abstimmen. „Peer returns“, das Projekt von Gregor Hopf liegt da interessanterweise derzeit ganz vorne.

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