stARTconference 2011 oder: Es war einmal in der Zukunft

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»A long time ago in the future« – so begannen traditionell die Geschichten, die sich die Inuit im Norden Kanadas erzählten. Andeutend, dass die Geschehnisse der Vergangenheit uns helfen können, zukünftige Ereignisse zu verstehen und einzuordnen.

»Es war einmal in der Zukunft« – mit der Ankündigung einer Zeitreise ins Jahr 2020 begann auch die Geschichte der stART11, der dritten stARTconference, die am 17./18. November erzählt wurde. Die interessierte Kultur- und Web-Gemeinde hatte sich dieses Jahr um die Lagerfeuer in der Haniel-Akademie und der ehemaligen Calvinistenkirche in Duisburg-Ruhrort versammelt und lauschte dort Geschichten zum Thema »Transmedia Storytelling – die Kunst des digitalen Erzählens«.

Komm, erzähl’ mir was

Seit Urzeiten erzählen Menschen sich Geschichten. Sie dien(t)en dazu, das kulturelle Erbe, Erfahrenes und Gelerntes an die nächsten Generationen weiterzugeben. Die orale Tradition fand ihre Fortsetzung im Geschichtenerzählen in gedruckter Form und in bewegten Bildern. Wie aber können Geschichten im Internet oder gar medienübergreifend erzählt werden? Wo und wie werden Lagerfeuer im digitalen Raum entzündet, an denen sich möglichst viele Menschen versammeln können? Davon berichteten erfahrene »Digital Natives« auf der stART11.

Marcus Brown erzählte von seinen Transmedia-Storytelling-Projekten (O-Ton: »Rumalbern mit die Internet«), denen fiktive Charaktere wie Sacrum und »Jack The Twitter« entsprangen. Figuren, die er gekonnt mit Leben füllte. Ausgestattet mit umfangreichen Familienbiografien, (An-)Gewohnheiten und Lieblingsbeschäftigungen (re-)agierten seine digitalen Alter Ego so lebensecht, dass ihre rein digitalen Handlungen trotz zahlreicher Hinweise auf die Fiktionaliät der Charaktere für bare Münze genommen wurden. Ein beeindruckender Beweis für die Faszination, die von gut erzählten Geschichten ausgeht. Geschichten, die laut Marcus Brown im digitalen Zeitalter im Fluss sind, d. h. keinen Anfang und kein Ende mehr haben, sondern nur eine »ewige Mitte«, weshalb er seine Art des Erzählens »Streamtelling« nennt.

Eine Auffassung, die Alexander M. O. Serrano aka »Amos« nicht teilt. Seine Geschichten haben nach wie vor einen Anfang und ein Ende und werden transmedial erzählt, indem er mittels realer Gegenstände oder Ereignisse fiktive Geschichten begleitet oder ergänzt. Dabei richtet er sich nicht an klassische »ZuhörerInnen«, denn er konzipiert Stories, in die teils nichtsahnende Unbeteiligte hineingezogen werden, wie Alice in Lewis Carrolls Wunderland. Sie bekommen Gegenstände per Post geschickt, denen Hinweise für weitere Aktionen beiliegen und können so z. B. an einem literarischen Roadtrip wie »Finding Becca« teilnehmen, mit dem auf spannende Weise die Spur zu Elizabeth Georges erstem Jugendbuch »Whisper Island« gelegt wurde.

Eine ganz neue Art digitalen Erzählens stellten Janosch Asen und Manuel Scheidegger mit ihrer Software farfromhomepage vor, die »Creative Browsing« ermöglicht, wie sie es nennen. Aus verschiedensten Internetquellen können filmartige Zusammenstellungen gestaltet werden, bei denen jede der Quellen anklickbar bleibt. Beschreibungen des Projekts sind bei Axel Vogelsang und Florian Blaschke zu finden.

Social Web ist schön, macht aber viel Arbeit …

Mit den richtigen Tools für eine effektive Online-Zusammenarbeit – skype, teamviewer, dropbox, pbworks, um nur einige zu nennen – und jeder Menge Kreativität und Engagement lässt sich die Arbeit im und mit dem Social Web jedoch sehr gut und offensichtlich auch mit Spaß bewältigen. Diesen Eindruck hinterließ jedenfalls die Präsentation von Katharina Ess, die auf der stARTconference die Social-Media-Aktivitäten des Podiumfestival vorstellte.

Das ehrenamtliche Kernteam hat ein wahres Feuerwerk an kreativen Einfällen umgesetzt, um in Esslingen ein junges europäisches Musikfestival ins Leben zu rufen. Die ergriffenen Initiativen und Maßnahmen, um FreundInnen und UnterstützerInnen zu finden und aktiv einzubinden, waren sehr einfallsreich und alle auf das langfristige Ziel ausgerichtet, eine Community zu schaffen, die über das eigentliche Festival hinaus Interesse an klassischer Musik und der Entwicklung neuer Konzertformen und Konzepte hat. Wie perfekt das Team dabei auf der Klaviatur der Social-Media-Tools spielte, war ebenfalls sehr beeindruckend. Ein Very-Best-Practice-Beispiel, das vorbildlich demonstrierte, wie die oft gehörte Aufforderung »Einfach machen!« in die Tat umgesetzt werden kann.

(Un)überwindbare Hürden

Die »Cultural Natives« hörten die »Einfach machen!«-Botschaft der »Digital Natives« wohl und am Willen, den anregenden und vielversprechenden Beispielen zu folgen und Ideen für die eigene Institution zu entwickeln, mangelt es sicher nicht. Bei einigen war jedoch das Unbehagen förmlich spürbar, wieder an die übervollen Schreibtische zurückzukehren, auf denen noch so viel »normale« (PR-)Arbeit darauf wartet, erledigt zu werden. Woher die Freiräume nehmen, die für Social Media und die Entwicklung und Umsetzung transmedialer Geschichten erforderlich sind? Zumal wenn teils noch die eigenen Vorgesetzten und KollegInnen überzeugt werden müssen, dass »der ganze Aufwand« überhaupt sinnvoll und lohnend ist.

Die Social-Media-(r)Evolution

Um diese Schwierigkeiten und Hürden wissend, brachte Christian Henner-Fehr in seinem Vortrag »Die Social-Media-(r)Evolution« erneut die Tatsache zur Sprache »Social Media muss man leben« und zitierte aus dem Positionspapier »Wissensmanagement und Enterprise 2.0« der Gesellschaft für Wissensmanagement e. V.:

»Enterprise 2.0 kann man nicht einführen, sondern nur werden.«

Eine Social-Media-(r)Evolution würde bedeuten, dass Kultureinrichtungen und Unternehmen bereit sind zum Wandel. Social Media zu »leben« bedeutet nämlich nicht (nur), sich in sozialen Netzwerken anzumelden und auf möglichst vielen Plattformen vertreten zu sein. Die (R)Evolution besteht darin, die eigene Arbeitsweise neu zu strukturieren, intern und extern zu netzwerken, Wissen zu teilen,  zusammenzuarbeiten und vor allem Hierarchien abzubauen, weil sie ein effektives und vernetztes Arbeiten und Kommunizieren in der digitalen Welt erschweren und behindern.

Schöne neue (Social-Media-)Arbeitswelt

Nach Abschluss der Social-Media-(r)Evolution machen Social Media keine »zusätzliche Arbeit«, weil sie gleichermaßen intern wie extern als Kommunikationsmedien genutzt werden, über die man sich schnell und einfach vernetzen und zusammenarbeiten kann. Die Arbeit, die sich auf den Tischen stapelt, verteilt sich. Alle MitarbeiterInnen eines Unternehmens/einer Kultureinrichtung, die Social Media nutzen, machen die (Öffentlichkeits-)Arbeit gemeinsam. Durch ihr engagiertes Auftreten für ihr Unternehmen/ihre Kultureinrichtung werden sie alle zu SprecherInnen, sind alle ansprechbar und »machen PR«. Die KundInnen und das Publikum »arbeiten« ebenfalls mit, indem sie Rückmeldungen und Anregungen geben oder sich an Aktionen tatsächlich aktiv beteiligen.

Nach Abschluss der Social-Media-(r)Evolution sind die »Cultural Natives« auch untereinander bestens vernetzt und setzen sich gemeinsam für das Anliegen, ein lebendiges kulturelles Erbe zu bewahren und an die nächsten Generationen weiterzugeben, ein.

»But in the early days of Indigenous cultural participation in digital media, many elders and traditional people worried that sacred and protected knowledge would be degraded and stolen in media productions. Those concerns have not gone away, and for good reason: Indigenous peoples cultural natives have a terrible history of being crushed under the machinery and tangled in the circuitry of modernity’s technological progress. The question of who controls the design, production, and distribution of Indigenous cultural media remains. While many elders, community leaders, and Indigenous cultural scholars may still critique digital technology’s hegemonic properties, there is now an awareness among them that Indigenous cultural communities must either represent themselves and create media that reflect their identities and desires or they will be misrepresented by a media industry that has processed and sold Indigenous cultural knowledge as a commodity.«

Dieses Zitat, das ich mutwillig verändert habe ;-) , stammt aus der Rezension des Buches »Global Indigenous Media: Cultures, Poetics, and Politics«. Die Rezension beschreibt sehr anschaulich, wie die indigenen Völker Nordamerikas vor einiger Zeit begannen, vielfältigste technische Möglichkeiten aktiv zu nutzen, um ihre Geschichte(n) zu erzählen, Wissen über ihre Kultur zu transportieren und so das Weiter- und Überleben ihrer Kultur zu sichern. Und sie möchten diese Geschichte(n) lieber selbst erzählen, damit nicht andere sie nach eigenem Gusto (mis)interpretieren und für eigene kommerzielle Zwecke nutzen.

Die stART11 hat aufgezeigt, wie Kultureinrichtungen genau das tun können: ihre ganz eigene(n) Geschichte(n) transmedial mit Hilfe moderner Technik und Kommunikationsmittel erzählen. Der Fundus an Kulturgeschichten ist nahezu unbegrenzt, die Technik ist leicht bedienbar, jetzt heißt es: Einfach machen!

Mit gutem Beispiel voran

Den Veranstaltern und dem stART11en-Team gebührt ein dickes Dankeschön dafür, dass sie eine spannende (und gleichzeitig entspannte), inspirierende Konferenz organisiert haben, auf der wieder einmal viele Möglichkeiten des Wissens- und Erfahrungsaustauschs, der Zusammenarbeit und vor allem der Vernetzung von »Cultural Natives« und »Digital Natives« geboten wurden.

Vom Gedanken »Einfach machen!« wird auch die stARTconference selbst getragen, deren Konzept einer offenen Konferenzplanung aufgegangen ist und die mit diesem Experiment als »lebendes Beispiel« in Sachen Social-Media-(r)Evolution vorangegangen ist.

Wer noch mehr über die stART11 erfahren möchte, hier ist ein Auszug weiterer interessanter Blogbeiträge:

4 Kommentare

  1. Liebe Birgit,

    Dein Beitrag spricht mir aus dem Herzen und ich danke Dir dafür. Es war ja meine erste stARTconference und ich bin nachhaltig in Gedanken und im Herzen mit den beiden Tagen, den Menschen dort und den Gesprächen beschäftigt.

    Auf bald, beim nächsten Lagerfeuer!

    • Liebe Wibke, das freut mich, dass dir meine stART11-Geschichte so gut gefallen hat. Den stART-Virus wirst du übrigens nicht mehr loswerden. Das weiß ich, denn ich habe ihn schon seit drei Jahren und das sehr gerne ;-) Ich freu mich auch schon auf die nächsten Lagerfeuertreffen mit dir!

  2. Pingback: stART11 – Medien, Meinungen und Menschen | stART Conference 2011 |

  3. Pingback: Forum Kulturvermittlung Bern: Wie kann der Zugang zur Kultur für alle gefördert werden?

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